Einstein und die gerettete Spinne


Auszug aus einem Aufsatz von Ingolf Bossenz:

Einstein und die gerettete Spinne
Eine gottlose Welt muss noch lange keine wertlose Welt sein – ein etwas anderer Blick auf das Phänomen des Religiösen

Von Ingolf Bossenz

…………….

»Es ist gewiss«, erklärte Einstein, »dass eine mit religiösem Gefühl verwandte Überzeugung von der Vernunft bzw. Begreiflichkeit der Welt aller feineren wissenschaftlichen Arbeit zugrunde liegt. Jene mit tiefem Gefühl verbundene Überzeugung von einer überlegenen Vernunft, die sich in der erfahrbaren Welt offenbart, bildet meinen Gottesbegriff: Man kann ihn also in der üblichen Ausdrucksweise als ‘pantheistisch’ bezeichnen.« Einstein nannte das »kosmische Religiosität« – eine Religiosität, »die keine Dogmen und keinen Gott kennt, der nach dem Bild des Menschen gedacht wäre«. Es könne daher »auch keine Kirche geben, deren hauptsächlicher Lehrinhalt sich auf die kosmische Religiosität gründet.
Der englische Biologe Julian Huxley (1887 – 1975), ein ausgewiesener Atheist, war der Ansicht, Religion lasse sich am besten verstehen »als angewandte spirituelle Ökologie«, die ein umfassendes Leitsystem schaffen müsse: für die Beziehungen der Menschheit zur umgebenden Natur, des individuellen Ichs zu den Kräften seines Innenlebens und des Einzelnen zu den Anderen und zur Gesellschaft. Eine ständige Aufgabe bleibe dabei die »Heiligung des Lebens«.

Primat der Natur statt Primat Gottes – mit dieser Formel ließe sich eine solche spirituelle Ökologie beschreiben. Für den ehemaligen katholischen Priester und Theologieprofessor Hubertus Mynarek kommt allein aus einer solchen Weltsicht die Hoffnung auf Heil. Heil nicht durch eine über der Natur waltende göttliche Kraft, sondern durch den Ausstieg aus der christlichen »Heilsgeschichte der Naturvergessenheit«. Angesichts der ökologischen Weltkrise sei eine neue, eine ökologische Religion nötig, »die das Verhältnis des Menschen zur Gesamtnatur und zum Kosmos in den Mittelpunkt stellt, die sich an das ‘große Haus des Universums’ rück-bindet (von: religare), die die großen Ordnungen und Gesetze des äußeren Universums wie des inneren, nämlich der Psyche, erkennen, erfühlen, bewundern und verantwortungsvoll praktizieren will«.

Die Werte einer solchen Religion sind weder abstrakt noch müssen sie gleich einer Monstranz durch ehrfürchtig versammelte Massen getragen werden.

Inge Keller, die große und großartige Schauspielerin, erzählte mir einmal im Interview: »Vor einigen Jahren hatte ich ein seltsames Erlebnis. An der Tür von meinem Haus auf Hiddensee sitzt eine riesengroße Fliege. Und ich schlag’ sie tot. Und ich höre ein leises Stöhnen. Ganz leise. Es ist die Wahrheit. Seitdem schlage ich keine Fliegen mehr tot. Oder Spinnen. Heute morgen saß wieder eine in meiner Badewanne: Unermüdlich versuchte sie, die glatte Wand zu bezwingen, rutschte ab, versuchte es wieder. Kann man so eine Quälerei lange ansehen? Also nehme ich vorsichtig ein Handtuch und setze sie in den Garten, wo sie befreit losläuft. Das ist ein solches Glück für mich, dass mich das auf den ganzen Tag froh einstimmt.«

Inge Keller wird dieses Handeln kaum als Ausdruck ökologischer oder anderweitiger Religiosität reflektieren. Und doch zeigt sich darin genau jene »Ehrfurcht vor dem Leben«, die Albert Schweitzer (1875 – 1965) als »Frömmigkeit in ihrer elementarsten und tiefsten Fassung« sah: »Wenn ich ein Insekt aus dem Tümpel rette, so hat sich Leben an Leben hingegeben und die Selbstentzweiung des Lebens ist aufgehoben.«
Nichts anderes meint Mynarek, wenn er schreibt, »dass auch die globalsten und präzisesten psychologischen, anthropologischen, soziologischen, politologischen und ökologischen Analysen der gegenwärtigen Menschheitskrise durch die Ratio keine tiefgreifende Besserung herbeiführen können, wenn kein neues Lebensgefühl, kein neues Verständnis der Natur, keine neue Ehrfurcht vor ihr und ihren atemberaubenden Werten und Eigengesetzlichkeiten entsteht«. Auch für Karl Marx war die »vollendete Wesenseinheit der Menschen mit der Natur« ein notwendig anzustrebendes Ziel der gesellschaftlichen Entwicklung.

»Vollendete Wesenseinheit der Menschen mit der Natur« dürfte wohl ein nicht minder schwieriges Ziel sein wie der Kommunismus. Und ohne wahrhaft religiösen Enthusiasmus kaum in Angriff zu nehmen. Der Weg als Ziel. Mit vielen kleinen, oft banal erscheinenden Schritten. Wie diesem: Am Nachmittag des 24. Dezember versammeln sich in jedem Jahr vor dem Berliner Dom am Lustgarten Mitglieder des Vereins Tierversuchsgegner Berlin und Brandenburg bei einer Mahnwache und – so die Ankündigung – »gedenken aller durch Menschenhand geschundenen Tiere«. Man könnte die Aktion »lebensfremd« nennen, denn die Weihnachtsbraten der Hunderte von Kirchgängern sind am »Heiligen Abend« längst ausgenommen und zerteilt oder schmurgeln bereits in der Pfanne. Wie alle Jahre wieder. Und auch das wird wohl ein frommer Wunsch bleiben: Dass die Solidarität auch mit Tieren nicht mehr als »extreme« Forderung, sondern als notwendiger, als existenzieller Wert betrachtet wird.

http://www.schattenblick.de/infopool/weltan/meinung/wmet0001.html

You could tell here, how to insert the OWN Awatar here!

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s